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Selbstregulierung, Organisation und Regulierung unter InternetbenutzerInnen

InternetbenutzerInnen ‚flaggen’ unangebrachte Inhalte, klassifizieren neue Beiträge, bewerten Online-VerkäuferInnen, schreiben Artikel für Online-Lexiken und folgen stillschweigenden Vereinbarungen über sozialverträgliches Verhalten in Online-Gemeinschaften…
Im Zeitalter des Web2.0 sind die Selbstregulierung unter Benutzern sowie die Benutzerregulierung zu integralen Bestandteilen unserer Teilnahme an der Online-Welt geworden. Und das Erwachsenwerden online setzt eine Reihe komplexer persönlicher Fähigkeiten voraus. Die Teilnahme an Online-Gemeinschaften ist heute zum integralen Bestandteil des täglichen Lebens zahlreicher Kinder und Jugendlicher geworden.

Es ist von größter Wichtigkeit, der Deutung und Ausübung verschiedener sozialer und kultureller Normen einer bestimmten Gemeinschaft fähig zu sein sowie die vorhandenen Werkzeuge zur Selbstregulierung auf verschiedenen Community-Sites einzusetzen und zu verstehen.

Für Organisationen, die sich im Zeitalter des sozialen Internets, in dem die Übertragung von Verantwortung auf die BenutzerInnen wesentlich ist, mit dem Kinderschutz befassen, stellen sich viele Fragen. Hier einige der erwähnenswerten Fragen: Wie können wir eine ethische Kultur zwischen jungen InternetbenutzerInnen unterstützen und welche Werkzeuge können wir ihnen zur Verfügung stellen, um bereits bestehende Kulturen der Selbstregulierung zu erhalten?

Die ganze Welt schaut zu
Viele Formen der Selbstregulierung unter BenutzerInnen sind charakteristisch für die heutige Online-Welt – einige bilden einen integralen Bestandteil unserer Online-Identitäten, andere werden noch ausdrücklich in unseren jeweiligen Online-Gemeinschaften verhandelt. Die Selbstregulierung zwischen BenutzerInnen wird oft durch eine Reihe gemeinsamer Werte und Ideen der BenutzerInnen einer bestimmten Internetgemeinschaft definiert – nicht formell, sondern auf Basis stillschweigender Vereinbarungen.

Eine einbezogene Form der Selbstregulierung ist unser zunehmendes Bewusstsein der Öffentlichkeit unserer Online-Identitäten. In Dänemark hielt das Internet Mitte der neunziger Jahre Einzug in den durchschnittlichen dänischen Haushalt. Der öffentliche Bereich ist so nach und nach zum integralen Bestandteil unserer Privatsphäre geworden. Zunächst waren wir vielleicht nicht sehr vorsichtig bei unseren Online-Aktivitäten, was wohl zum recht „privaten“ Ton der „persönlichen Tagebücher“, dem Weblog zum Beispiel, führte. Viele von uns haben sich jedoch allmählich daran gewöhnt, das Erscheinungsbild der Online-Rolle, die zum Beispiel bei einer Google-Suche auftaucht, zu pflegen und zu gestalten. Dies ist eine Form der Selbstregulierung der BenutzerInnen. Wie sich Professor Joshua Meyrowitz kürzlich anlässlich des Seminars “Medien und Mobilität” in Kopenhagen ausdrückte: „Der Gedanke, dass die ganze Welt zuschaut, führt zu einer gewissen Vorsicht.“

Verhandlung sozialer Normen in Online-Gemeinschaften
Andere Formen der Selbstregulierung werden von kulturellen Normen innerhalb der jeweiligen Online-Gemeinschaft, an der wir teilnehmen definiert, werden aber ausdrücklicher von den BenutzerInnen dieser Gemeinschaften verhandelt. Dies sieht man oft in Benutzerkommentaren zu Youtube-Videos, wenn ein(e) Benutzer(in) wegen eines ‚unangebrachten’ Kommentars von den anderen BenutzerInnen zurechtgewiesen wird. Hier lautet die implizierte Debatte: „Welches ist der sozial angemessene Weg, auf dieser Community-Site miteinander umzugehen?“

Es gab Versuche, formellere „soziale Verhaltensregeln“ für die Online-Kommunikation festzulegen. Meistens wird diesen jedoch ein großer Widerstand von Seiten der InternetbenutzerInnen entgegengebracht, die auf die Beibehaltung der freien und unabhängigen Natur des Internet bestehen. Ein weiterer Beweis dafür war die von Jimmy Wales, Gründer von Wikipedia, und Tim O’Reilly, Urheber der Bezeichnung „Web2.0“ anfangs dieses Jahres vorgestellte Idee, einen formellen „Verhaltenskodex für Blogger“ festzulegen, was zu einer leidenschaftlichen Debatte im Blogging-Milieu führte – eine Debatte, die zurzeit noch immer online weitergeführt wird.

Hilfswerkzeuge für die Selbstregulierung
Die von den Dienstleistungsanbietern zur Verfügung gestellten Werkzeuge für die Regulierung ihrer Online-Gemeinschaften bilden einen weiteren Aspekt der Selbstregulierung unter InternetbenutzerInnen. Zum Beispiel verfügen fast alle Social-Networking-Sites über eine Reihe von Richtlinien für BenutzerInnen, um die Veröffentlichung von Inhalten und die Kommunikation mit anderen BenutzerInnen der Gemeinschaft zu regulieren. Andere Beispiele für die Aufrechterhaltung einer selbstregulierenden Kultur unter den BenutzerInnen sind die „Flag“-Funktion bei Youtube, anhand der BenutzerInnen „unangebrachte“ Inhalte kennzeichnen können, das Bewertungssystem auf Ebay mit positiven oder negativen Kommentaren über VerkäuferInnen, und das benutzerbasierte Online-Lexikon Wikipedia.org, wo den BenutzerInnen Systeme zum Abfangen vandalischer Bearbeitungen von Inhalten sowie Systeme zur Prüfung und Verbesserung von Artikeln zur Verfügung stehen.

Benutzerregulierung und Selbstregulierung online unter Jugendlichen
Die meisten von Kindern und Jugendlichen benutzten Online-Gemeinschaften zeichnen sich heute normalerweise durch eine Mischung von zentralisierter Kontrolle durch den Dienstleistungsanbieter sowie durch dezentralisierte Kulturen der Selbstregulierung unter den BenutzerInnen aus, letzteres mit Werkzeugen, die durch den Dienstleistungsanbieter zur Verfügung gestellt wurden.

Zum Beispiel die Social-Networking-Sites, die Kinder und Jugendliche benutzen, um durch die Erstellung so genannter „Profile“ mit „Freundeslisten“, „Gästebüchern“, „Bildergalerien“ und vielen anderen Funktionen Netzwerke mit Gleichaltrigen aufrecht zu erhalten. In Dänemark gibt es zum Beispiel Portale, auf denen die Administratoren manuell alle Bilder prüfen, bevor sie die Veröffentlichung auf dem Portal erlauben. Technische Wortfilter werden eingesetzt, um den Chat zu überwachen und der Dienstleistungsanbieter behält sich das Recht vor, Konten zu schließen, wenn der Inhaber die vom Anbieter festgelegten Regeln missachtet. Den BenutzerInnen werden außerdem Selbstregulierungswerkzeuge zur Verfügung gestellt. Hiermit können sie ihre Gemeinschaften regulieren und können zum Beispiel anderen BenutzerInnen den Zugang zu ihrem Profil blockieren, ihr Profil auf ‚privat’ schalten oder den Administratoren der Website unangebrachtes Verhalten von anderen BenutzerInnen signalisieren. Vor allem aber haben Untersuchungen ergeben, dass junge BenutzerInnen in den Gemeinschaften eine Reihe kultureller Normen festgelegt haben, nach denen sie ihr Online-Leben meistens leben.

Eine Kultur der Wahrheit
Das Konzept des “Fakers” – ein von jungen BenutzerInnen von Social-Networking-Sites in Dänemark angewandter Begriff - ist ein gutes Beispiel der stillschweigenden sozialen Normen, die viele Jugendliche befolgen, wenn sie an Online-Gemeinschaften teilnehmen. Wie Malene Charlotte Larsen, eine dänische Forscherin, die sich mit der Benutzung der beliebtesten dänischen Social-Networking-Site für Jugendliche in Dänemark, Arto.dk, beschäftigt, hervorhebt, wird ein „falsches Profil“ von einem Benutzer mit einem deutlich falschen Foto sehr schnell von den anderen BenutzerInnen durch Kommentare über das Profil als Fälschung identifiziert werden. In vielen Fällen recherchieren die anderen BenutzerInnen sogar das Profil, finden die Originalquelle des Profilfotos oder sogar, in manchen Fällen, den wirklichen Benutzer, der sich hinter dem Profil versteckt. Unter jungen BenutzerInnen ist die Aufrechterhaltung der Wahrheit sehr stark ausgeprägt. Online ein „Faker“ zu sein ist einfach unannehmbar.

Die Administratoren der Site haben jetzt auf diese Tendenz mit der so genannten „IRL-Garantie“ (In Real Life –Garantie) reagiert, anhand der die BenutzerInnen sozusagen garantieren können, dass sie wirklich sind, was sie in ihren Profilen angeben, entweder durch eine Peer-to-Peer-Empfehlung, eine Überprüfung der Sozialversicherungsnummer oder durch die Veröffentlichung eines Fotos , auf dem sie ein Schild mit ihrem Benutzernamen zeigen. Die Teilnahme an diesem System ist freiwillig. Eine rasche Überprüfung der Benutzerprofile auf der Site ergibt aber, dass viele BenutzerInnen die IRL-Garantie benutzen. Vielleicht, um den anderen BenutzerInnen zu zeigen, dass sie keine „Faker“ sind? Die Benutzerregulierung wird von den Dienstleistungsanbietern unterstützt, die sich am Verhalten der BenutzerInnen inspirieren, und die Benutzerregulierung wird von den Werkzeugen gestaltet, die von den Dienstleistungsanbietern zur Verfügung gestellt werden. Dies sind die Bedingungen in den heutigen Online-Umgebungen und im Wesentlichen sind dies einige der Bedingungen, unter denen Kinder und Jugendliche ihr tägliches Leben gestalten.

Gry Hasselbalch, Dänischer Medienrat für Kinder und Jugendliche

veröffentlicht: Tuesday, 30 Oct 2007
Letzte Änderung: Friday, 23 Nov 2007
 
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